Sprachassistentin Alice Crivelli erzählt von ihren Unterrichtserfahrungen in Frankreich

Von Stabio nach Barcelonnette: Alice Crivelli ist die erste Tessinerin in Frankreich, die am Sprachassistenzprogramm teilnimmt. Sie gibt wertvolle Tipps zur Vorbereitung und teilt Einblicke in ihre Gastschule, den Unterricht und ihre Rolle als Sprachassistentin.

Ich heisse Alice, bin 22 Jahre alt und lebe im Süden des Tessins in einem kleinen Dorf namens Stabio.
Im Juni habe ich den Bachelor of Arts in Geistes- und Sozialwissenschaften an der Universität Neuenburg abgeschlossen. In Zukunft möchte ich an der Sekundarschule als Französisch- und Englischlehrerin tätig sein. Deshalb hatte ich mir vorgenommen, nach Abschluss des Bachelors ein Jahr Auszeit vom Studium zu nehmen und ins Ausland zu gehen, um Aussprache, Grammatik und Dialektik der beiden Sprachen noch weiter zu vertiefen. 
Während meines letzten Studienjahres wurde ich auf das von Movetia organisierte Programm «Sprachassistenz» aufmerksam, das mir erlauben würde, erste Erfahrungen als Lehrperson zu sammeln. Ich entschied mich, mich als Sprachassistentin Italienisch für eine Stelle in Frankreich zu bewerben. 

Eintauchen in eine andere Kultur 

Das Programm bietet nicht nur die Möglichkeit, Erfahrungen als Lehrperson zu sammeln, sondern auch eine andere Realität – zwar nicht weit weg von der Schweiz, aber dennoch mit einigen Unterschieden – kennenzulernen und sich damit auseinanderzusetzen. Die Kultur im Allgemeinen, die Bräuche und Traditionen, der Lebensstil und das Entdecken der Umgebung: Frankreich hat mich sofort fasziniert. Das Alltagsleben hilft mir zudem, meine Kenntnisse der französischen Sprache zu verbessern und auszubauen.

Für den Umzug und den Antritt der neuen Arbeitsstelle war viel administrative Vorbereitung notwendig, die nicht aus der Ferne abgewickelt werden konnte. Ich würde deshalb empfehlen, eine Woche vor Beginn des Arbeitsvertrags anzureisen, um die administrativen Angelegenheiten, wie das Unterschreiben des Mietvertrags und das Abholen der Schlüssel, das Abschliessen einer Hausratversicherung, die Eröffnung eines Bankkontos und so weiter, in Ruhe erledigen zu können.
Man muss am Anfang sehr viel Geduld und Flexibilität mitbringen, um den Rhythmus und die Arbeitsweisen im Land zu verstehen. In den ersten Wochen sind ein administrativer Nachmittag und ein Ausbildungstag geplant, an denen man die anderen Sprachassistentinnen und -assistenten der Region trifft sowie die für die Sprachassistenz verantwortliche Person, der man alle Fragen stellen kann. 
Ich lebe in einer Wohnung mit vier Schlafzimmern. Mit mir zusammen wohnen ein kolumbianischer Sprachassistent, ein Sprachassistent Englisch und ein Franzose. Ich finde eine Wohngemeinschaft ideal, um sich auszutauschen und gemeinsam etwas zu erleben. Vor allem am Anfang, wenn man sich noch etwas verloren fühlt.

Konversationsaktivitäten in Kleingruppen

«Die Sprachassistentinnen und -assistenten sind auch in Fächern wie bildende Künste, Sport, Kochen usw. anwesend, wodurch die Kinder Italienisch auch in einem anderen als dem schulischen Umfeld lernen. Diese Unterrichtsart gefällt ihnen sehr gut, da sie die Möglichkeit haben, neue Wörter und Ausdrücke während dynamischer und kollektiver Aktivitäten zu lernen.»

Die Schule, der ich zugewiesen wurde, ist die Primarschule in Barcelonnette, einem kleinen Bergdorf in den Alpen der Haute-Provence. Da das Dorf nur 2917 Einwohnerinnen und Einwohner hat, gibt es an der Schule nur fünf Klassen (von der ersten bis zur fünften Primarstufe), in denen ich meine vertraglich festgelegten zwölf Arbeitsstunden leiste. Für die erste, zweite und dritte Klasse sind pro Woche jeweils 45 Minuten Italienisch vorgesehen. Es werden aber meistens 60 daraus, damit man ein Thema systematisch und umfassend behandeln kann. In der vierten und fünften Klasse hingegen wird versucht, zusätzlich zu den obligatorischen 45 Minuten Italienisch, die Sprachkompetenz durch Immersion weiter auszubauen. Auch Konversationsaktivitäten in Kleingruppen kommen nicht zu kurz. Diese ermöglichen es, die einzelnen Kinder besser kennenzulernen, und sie ermutigen auch die Schüchternen unter ihnen, frei auf Italienisch zu sprechen.

«Das Geheimnis besteht darin, die Sprachbarrieren zu überwinden, indem spielerisch das Interesse und die Neugier geweckt werden. Es wird praktisch nur mündlich gearbeitet und versucht, jede Lektion einzigartig und dynamisch zu gestalten.»

Rolle als Sprachassistenz

Die Rolle der Sprachassistenz ist, die Schülerinnen und Schüler zu motivieren, eine neue Sprache zu lernen, wobei in den sechs Monaten ein Fortschritt erzielt werden soll. Für das Erlernen neuer Wörter greife ich dabei viel auf Rollenspiele, Zeichnungen, Galgenmännchen, Domino usw. zurück. Man kann sich nicht immer sicher sein, dass eine Lektion wie geplant funktioniert, deshalb muss man experimentieren können und immer bereit sein, die Lektion basierend auf positiven oder negativen Aspekten anzupassen.
Da es eine kleine Schule ist, fühlte ich mich sofort wohl, und das Ambiente, das geschaffen wird, ist sehr familiär. Trotz anfänglicher Schwierigkeiten beim Verständnis der Organisationsmodalitäten der einzelnen Lehrpersonen wurde ich sehr schnell als Kollegin akzeptiert. Gemeinsam mit der Direktorin haben wir einen «Emploi du temps» erstellt, in dem unsere Arbeitsstunden genau festgehalten sind, was uns die Organisation vereinfacht. 

Die Anzahl Unterrichtsstunden räumt grundsätzlich genug Zeit für die Vorbereitung der Lektionen ein. Es ist sehr wichtig, den Tag gut zu strukturieren, damit man nicht nur für das Arbeiten, sondern auch für das Entdecken des Landes genügend Zeit zur Verfügung hat und von den kulturellen Angeboten wie Kino und Theater sowie von den zahlreichen Sportaktivitäten profitieren kann. Ich habe mich zum Beispiel für zwei Fitnesskurse angemeldet und am Wochenende geniesse ich ausgiebige Spaziergänge in den Bergen. 
Es ist auf jeden Fall eine bereichernde Erfahrung, sowohl auf persönlicher als auch auf sozialer Ebene. Deshalb empfehle ich, am Programm teilzunehmen. Man kann dadurch nämlich nicht nur seinen Horizont durch Berufserfahrung erweitern, sondern auch neue Bekanntschaften schliessen, neue Kulturen kennenlernen und natürlich die eigenen Sprachkenntnisse verbessern.